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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Klimakrise groß genug, um zu handeln?

Deutschland ist der größte Verursacher von Treibhausgasen in der EU. Bei der Bildung der neuen Regierung muss klar sein: Klimaschutz und Klimagerechtigkeit – innerhalb Deutschlands und international – haben oberste Priorität.

Für viele Menschen in Deutschland war die Klimakrise abstrakt, wirkte sich in anderen Ländern aus oder lag in ferner Zukunft. Spätestens der Sommer 2021 machte es vielen schmerzhaft bewusst: Die Krise ist längst da und entfaltet sich in allen Regionen der Erde. Im Juli starben infolge von Starkregen und Überschwemmungen mehr als 180 Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. [1]Bundeszentrale für politische Bildung (2021): Jahrhunderthochwasser 2021 in Deutschland. Online unter: https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/337277/jahrhunderthochwasser-2021-in-deutschland [19.10.21] Das Extremwetter zerstörte Lebensgrundlagen und verwüstete Landstriche. Eine Studie belegt: Die globale Erhitzung spielte eine wesentliche Rolle. Und sie macht solche Katastrophen auch in Zukunft wahrscheinlicher.[2]World Weather Attribution (2021): Heavy rainfall which led to severe flooding in Western Europe made more likely by climate change. Online unter: https://www.worldweatherattribution.org/heavy-rainfall-which-led-to-severe-flooding-in-western-europe-made-more-likely-by-climate-change/ [19.10.21]

Eine Frage der Verantwortung

Der Weltklimarat sagt unmissverständlich: Der Mensch verursacht die Klimakrise.[3]IPCC (2021): AR6 Climate Change 2021:The Physical Science Basis. Online unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/ [19.10.21] Er ist Hauptverursacher für den Rückgang des arktischen Meereises, den Anstieg des Meeresspiegels, für die steigende Häufigkeit und Intensität von Hitze-Extremen. Viele Veränderungen werden häufiger und intensiver. Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hat Deutschland übermäßig zu der Klimakrise beigetragen – und tut dies nach wie vor.

Unter den EU-Staaten ist Deutschland der größte Verursacher von Treibhausgasen. Sein Pro-Kopf-Ausstoß ist doppelt so hoch wie der aktuelle weltweite Durchschnitt.[4]Umweltbundesamt (2021): Treibhausgas-Emissionen in der Europäischen Union. Online unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-der-europaeischen-union#grosste-emittenten [19.10.21] Außerdem ist Deutschland „Entwaldungs-Champion“: Zwischen 2005 und 2017 verursachte die Bundesrepublik jährlich mehr als 23 Millionen Tonnen CO2 durch die Rodung tropischen Waldes für importierte Waren.[5]WWF (2021): Stepping up? The continuing impact of EU consumption on nature worldwide. Online unter: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Report-Stepping-up-The-continuing-impact-of-EU-consumption-on-nature-worldwide-FullReport.pdf [19.10.21] Zudem steht Deutschland in der Verantwortung für die gesamten historischen CO2-Emissionen weltweit an sechster Stelle.[6]Carbon Brief (2021): Analysis: Which countries are historically responsible for climate change? Online unter: https://www.carbonbrief.org/analysis-which-countries-are-historically-responsible-for-climate-change [19.10.21]

Ein Klima der Ungerechtigkeit

Für viele ärmere, weniger privilegierte Länder sind Katastrophen, wie reichere Länder sie in diesem Jahr erlebten, nichts Neues. Zwischen 1995 und 2014 ereigneten sich 89 % aller sturmbedingten Todesfälle in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.[7]CRED (2015): The human cost of weather related disasters. Online unter: https://www.unisdr.org/2015/docs/climatechange/COP21_WeatherDisastersReport_2015_FINAL.pdf [19.10.21] Derweil verursachen nur 10 Länder ungefähr 60 % der Treibhausgasemissionen.[8]Climate Watch (2021): Historical GHG Emissions. Online unter: https://www.climatewatchdata.org/ghg-emissions?chartType=percentage&end_year=2018&start_year=1990 [19.10.21] Die 100 Länder mit den geringsten Emissionen verursachen gerade einmal 3 %. Außerdem sind die reichsten 10 % der Weltbevölkerung für mehr als die Hälfte der gesamten CO2-Emissionen von 1990 bis 2015 verantwortlich – die ärmste Hälfte für nur 7 %.[9]Oxfam (2020): Confronting carbon inequality. Online unter: https://oxfamilibrary.openrepository.com/bitstream/handle/10546/621052/mb-confronting-carbon-inequality-210920-en.pdf [19.10.21]

Hinter diesen abstrakten Zahlen, hinter jeder Tonne CO2, stehen unzählige Menschenleben. Eine Milliarde Kinder sind derzeit durch die Klimakrise extrem gefährdet.[10]UNICEF (2021): The climate crisis is a child rights crisis. Online unter: https://www.unicef.org/media/105376/file/UNICEF-climate-crisis-child-rights-crisis.pdf [19.10.21] Wetter- und Naturkatastrophen lösten im Jahr 2020 30,7 Millionen neue Binnenvertreibungen aus.[11]IDMC (2021): Internal displacement in a changing climate. Online unter: https://www.internal-displacement.org/sites/default/files/publications/documents/grid2021_idmc.pdf [19.10.21] Bis zum Jahr 2030 sind bis zu 132 Millionen Menschen zusätzlich aufgrund des Klimawandels von extremer Armut bedroht.[12]Worldbank (2020): Revised Estimates of the Impact of Climate Change on Extreme Poverty by 2030. Online unter: https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/34555 [19.10.21]

„Es besteht kein Zweifel daran, dass die Klimakrise eine Menschenrechtskrise ist. Sie können sich die Auswirkungen auf das Recht auf Leben, auf Gesundheit, auf Nahrung, auf Wasser, auf eine sichere, saubere und gesunde Umwelt ansehen. Die Klimakrise verschärft bestehende Bedrohungen für all diese Menschenrechte.”

David R. Boyd, UN-Sonderberichtserstatter für Menschenrechte und Umwelt

Verantwortung ist ungleich Betroffenheit

Jene Gemeinschaften, die am wenigsten zu Umweltzerstörung und Klimakrise beitragen, sind als erste und am schwersten betroffen.[13]siehe Fußnote 9 Die unverhältnismäßigen Auswirkungen auf bereits ausgegrenzte, diskriminierte und entrechtete Menschen vertiefen bestehende Ungerechtigkeiten. Zugleich fehlt es besonders betroffenen Menschen oft an politischer Macht, Beteiligungsmöglichkeiten und dem Zugang zu Recht.

Selbst innerhalb derselben Regionen spüren nicht alle Menschen die Auswirkungen in gleicher Weise. Dazu gehören unter anderem indigene Menschen, Kinder, Frauen, Vertriebene oder Menschen mit geringem Einkommen. Zum Beispiel sind in Mexiko Menschen in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung einem 80 % höheren Risiko ausgesetzt, an den Folgen von Temperaturschocks zu sterben.[14]Grantham Institute (2020): Mortality, temperature, and public health provision:evidence from Mexico. Online unter: https://www.lse.ac.uk/granthaminstitute/wp-content/uploads/2019/10/Working-paper-268-Cohen-Dechezlepretre_Oct2020.pdf [19.10.21]

„Der Kern der Krise ist, dass die Verantwortung und die Auswirkungen nicht gleichmäßig verteilt sind. Klimagerechtigkeit bedeutet für mich, dass wir sicherstellen müssen, dass wir den Menschen zuhören, dass wir von den Menschen lernen, die an vorderster Front von den Klimaauswirkungen betroffen sind, dass wir das Leben der Menschen in den Vordergrund stellen.“

Tonny Nowshin, Klimagerechtigkeits- & Degrowth-Aktivistin

Klimagerechtigkeit „made in Germany“?

Die Bundesrepublik wird im Jahr 2021 voraussichtlich den größten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 30 Jahren verzeichnen.[15]Agora Energiewende (2021): Deutschland steht 2021 vor dem höchsten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 1990. Online unter: https://www.agora-energiewende.de/presse/neuigkeiten-archiv/deutschland-steht-2021-vor-dem-hoechsten-anstieg-der-treibhausgasemissionen-seit-1990/ [19.10.21] Zudem zeigte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, dass keine Partei im Bundestag mit den im Wahlprogramm festgehaltenen Maßnahmen das 1,5-Grad-Ziel einhalten würde.[16]DIW ECON (2021): Wie viel Klimaneutralität steckt in denWahlprogrammen? Online unter: https://diw-econ.de/wp-content/uploads/DIWEcon_Wahlprogramme_Plausibilitaetsanalyse_v2.0.pdf [19.10.21] Dabei liegt die globale Temperatur schon jetzt 1,1 °C über dem vorindustriellen Durchschnitt.[17]siehe Fußnote 3

Unser Wissen über die Klimakrise war nie größer und wir können immer noch langfristig die Auswirkungen der globalen Erwärmung begrenzen. Eine schnelle Verringerung von Emissionen ist alternativlos – auf Basis sozial gerechter, gesamtgesellschaftlicher und Sektoren übergreifender Ansätze. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Temperatur gegen Ende des 21. Jahrhunderts wieder auf unter 1,5 °C sinken wird, wenn die Emissionen sofort und nachhaltig reduziert werden[18]siehe Fußnote 3 – Hunderte Millionen weniger Menschen, die regelmäßig von extremen Hitzewellen betroffen wären, oder Millionen Menschen weniger, die durch den Anstieg des Meeresspiegels ihre Heimat verlieren würden.

Nichtstun kostet mehr

Zu oft wird Klimaschutz als Kostenfaktor verstanden. Dabei ist eine faire, ambitionierte Klimapolitik das beste Mittel für gerechtere und überlebensfähige Gesellschaften. Und um neue Chancen zu eröffnen wie die Entstehung neuer Jobs oder die Verringerung von Ungleichheiten.

Jedes Zehntelgrad, jede Maßnahme zählt. Deutschland muss bis 2035 Netto-Null-Emissionen erreichen, bis 2030 vollständig aus der Kohle aussteigen und bis 2035 eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreichen.[19]EJF (2021): Was wir tun. Online unter: https://ejfoundation.org/de/was-wir-tun/klima/klimagerechtigkeit [19.10.21] Gerechter Klimaschutz muss in alle politischen Bereiche integriert werden. Außerdem muss sich Deutschland stärker für ein gerechtes und effektives System der Unterstützung von als erstes und am stärksten betroffenen Gemeinschaften einsetzen – zum Beispiel in Klimapartnerschaften und mit einer höheren, fairen und transparenten Klimafinanzierung.

„Es ist die Verpflichtung der Verursacher, sofortigen Zugang zu Ressourcen und Finanzmitteln zu gewähren, die die Resilienz betroffener Gemeinschaften stärken und die Anpassung und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Katastrophen ermöglichen. […] Das Ziel muss eine integrative, gleichberechtigte und auf Rechten basierende Gesellschaft sein, die das Recht auf ein gesundes Leben für jeden Einzelnen anerkennt.“

Jyoti Awasthi (Laxmi) & Nakul Sharma, Climate Action Network South Asia

Neue Bundesregierung trägt besondere Verantwortung

Die kommende Legislaturperiode ist entscheidend. Der nächste Bundestag und die neue Bundesregierung müssen die Auswirkungen der Klimakrise auf Menschenrechte und die globale Gerechtigkeit anerkennen. Und konkrete Maßnahmen umsetzen, die der Dringlichkeit und dem Ausmaß der Herausforderungen gerecht werden. Der Wandel wird nicht einfach, aber wir sollten ihm mit Zuversicht begegnen.

„Klimaschutz bedeutet neue Möglichkeiten, neue Chancen, bedeutet soziale Gerechtigkeit. Die Klimakrise ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und es muss sich ganz viel ändern, das ist aber auch okay: Das gibt uns sehr viele neue Möglichkeiten. Sehr, sehr viele Chancen für Leute, die vorher keine Chancen hatten.“

Leonie Bremer, Pressesprecherin Fridays for Future Deutschland

Merlin Pratsch, Environmental Justice Foundation

References

References
1 Bundeszentrale für politische Bildung (2021): Jahrhunderthochwasser 2021 in Deutschland. Online unter: https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/337277/jahrhunderthochwasser-2021-in-deutschland [19.10.21]
2 World Weather Attribution (2021): Heavy rainfall which led to severe flooding in Western Europe made more likely by climate change. Online unter: https://www.worldweatherattribution.org/heavy-rainfall-which-led-to-severe-flooding-in-western-europe-made-more-likely-by-climate-change/ [19.10.21]
3 IPCC (2021): AR6 Climate Change 2021:The Physical Science Basis. Online unter: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/ [19.10.21]
4 Umweltbundesamt (2021): Treibhausgas-Emissionen in der Europäischen Union. Online unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-der-europaeischen-union#grosste-emittenten [19.10.21]
5 WWF (2021): Stepping up? The continuing impact of EU consumption on nature worldwide. Online unter: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Report-Stepping-up-The-continuing-impact-of-EU-consumption-on-nature-worldwide-FullReport.pdf [19.10.21]
6 Carbon Brief (2021): Analysis: Which countries are historically responsible for climate change? Online unter: https://www.carbonbrief.org/analysis-which-countries-are-historically-responsible-for-climate-change [19.10.21]
7 CRED (2015): The human cost of weather related disasters. Online unter: https://www.unisdr.org/2015/docs/climatechange/COP21_WeatherDisastersReport_2015_FINAL.pdf [19.10.21]
8 Climate Watch (2021): Historical GHG Emissions. Online unter: https://www.climatewatchdata.org/ghg-emissions?chartType=percentage&end_year=2018&start_year=1990 [19.10.21]
9 Oxfam (2020): Confronting carbon inequality. Online unter: https://oxfamilibrary.openrepository.com/bitstream/handle/10546/621052/mb-confronting-carbon-inequality-210920-en.pdf [19.10.21]
10 UNICEF (2021): The climate crisis is a child rights crisis. Online unter: https://www.unicef.org/media/105376/file/UNICEF-climate-crisis-child-rights-crisis.pdf [19.10.21]
11 IDMC (2021): Internal displacement in a changing climate. Online unter: https://www.internal-displacement.org/sites/default/files/publications/documents/grid2021_idmc.pdf [19.10.21]
12 Worldbank (2020): Revised Estimates of the Impact of Climate Change on Extreme Poverty by 2030. Online unter: https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/34555 [19.10.21]
13 siehe Fußnote 9
14 Grantham Institute (2020): Mortality, temperature, and public health provision:evidence from Mexico. Online unter: https://www.lse.ac.uk/granthaminstitute/wp-content/uploads/2019/10/Working-paper-268-Cohen-Dechezlepretre_Oct2020.pdf [19.10.21]
15 Agora Energiewende (2021): Deutschland steht 2021 vor dem höchsten Anstieg der Treibhausgasemissionen seit 1990. Online unter: https://www.agora-energiewende.de/presse/neuigkeiten-archiv/deutschland-steht-2021-vor-dem-hoechsten-anstieg-der-treibhausgasemissionen-seit-1990/ [19.10.21]
16 DIW ECON (2021): Wie viel Klimaneutralität steckt in denWahlprogrammen? Online unter: https://diw-econ.de/wp-content/uploads/DIWEcon_Wahlprogramme_Plausibilitaetsanalyse_v2.0.pdf [19.10.21]
17, 18 siehe Fußnote 3
19 EJF (2021): Was wir tun. Online unter: https://ejfoundation.org/de/was-wir-tun/klima/klimagerechtigkeit [19.10.21]

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